Phytotherapie in China

Ein Beitrag von Dr. Florian Ploberger über die Phytotherapie in China

Die Phytotherapie ist in China die bedeutendste und am häufigsten angewandte Therapieform der TCM. Heutzutage werden in China bis zu ¾ der Patienten mit Hilfe der TCM-Arzneimitteltherapie behandelt.Die Materia Medica der TCM umfasst laut einigen Quellentexten über 40 000 Rezepturen – und mehrere Tausend Einzelkräuter, von denen ungefähr fünfhundert in Österreich verwendet werden können.Natürlich war es zu Beginn die Akupunktur, die sich im Westen durchsetzen konnte, doch nun steht vielfach die Phytotherapie mit chinesischen Heilkräutern im Mittelpunkt des Interesses.Akupunktur, Moxibustion und bestimmten Massageformen zählen in China zu den „äußeren“ Therapien. Diese dienen dazu, die Qi-Zirkulation zu regulieren. Sie sind immer dann indiziert, wenn das Qi bewegt, Stagnationen gelöst oder Überschüssiges abgeleitet (Xie Fa) werden muss.Die Arzneimitteltherapie nennt man dagegen „innere“ Medizin. Sie ist bei verschiedenen Erkrankungen der inneren Organe, Problemen der Körpersäfte (Jinye) und Blut (Xue) indiziert. Wenn man Leere-Zustände toniseren (Bu Fa) möchte, ist sie kaum durch andere Methoden ersetzen.Darüber hinaus gibt es eher unspezifische, aber sehr wichtige präventive Methoden, wie Diätetik und Körperübungen (Qi Gong, Tai Ji Quan), die hauptsächlich im Rahmen der allgemeinen Gesundheitspflege eingesetzt werden.

Worin liegen die individuellen Stärken der verschiedenen Methoden?

Während mit der Akupunktur Störungen im Meridiansystem, Qi- und Yang-Störungen meist gut beeinflusst werden können, verlangen Zustände wie ein Blut- und Yin-Mangel (wenn man sie überhaupt mit Akupunktur behandeln möchte) eher diätetische Maßnahmen bzw. chinesische Kräuter. Egal, ob es ein Qi-, Blut-, Yin- oder Yang-Mangel ist, der bei einem Patienten behoben werden soll, diese Mangelzustände können durch chinesische Kräuter –  wenn der Verdauungstrakt ausreichend gut funktioniert – effizienter ausgeglichen werden als durch Akupunkturbehandlungen, da die Akupunktur hauptsächlich mit dem vorhandenen Qi des Patienten arbeitet. Natürlich ist dies eine grobe Verallgemeinerung, doch vereinfachend gilt, dass Akupunktur als therapeutische Maßnahme verwendet werden kann, um das vorhandene Qi eines Patienten zu bewegen. Die Phytotherapie dient dazu, den Körper durch Zufuhr diverse Substanzen von außen zu stärken. Voraussetzung ist, dass der Verdauungstrakt des Patienten die Fähigkeit besitzt, die Wirkstoffe, die in einer chinesischen Kräuterrezeptur enthalten sind, aufzunehmen bzw. zu extrahieren. Natürlich ist es sinnvoll, die verschiedenen Methoden zu kombinieren, denn „ein guter Arzt ist fähig, viele Techniken zu nutzen, um die Behandlung flexibel an wechselndes Klima, Umgebung, Lebensstil und andere Variablen der Erkrankten anzupassen“, wie es im „Huang-di Nei-jing“ („Der Innere Klassiker des Gelben Kaisers“) sinngemäß heißt.

Grundsätze der Behandlung

  1. Wurzel (ben) und Manifestationen (biao) einer Erkrankung

Zu diesem Thema steht im Kapitel 5 des Suwen („Einfache Fragen“) des Werkes „Huang-di Nei-jing“ („Der Innere Klassiker des Gelben Kaisers“):

„Das Gesetzt von Yin und Yang ist die natürliche Ordnung des Universums, die Grundlage aller Dinge, die Mutter jeden Wandels, die Wurzel von Leben und Tod. Um eine Krankheit zu behandeln, muss man die Wurzel der Disharmonie finden, die immer dem Gesetz von Yin und Yang unterworfen ist.“

Um den bestmöglichen Behandlungserfolg mit möglichst wenigen Nebenwirkungen zu erzielen, ist es wichtig zu erkennen, welche Aspekte einer Störung bei dem betreffenden Patienten am vordringlichsten zu therapieren sind. Die TCM-Literatur empfiehlt, die Erscheinungsbilder (Manifestationen – biao) eines Krankheitsbildes von deren Ursache (Wurzel – ben) zu unterscheiden.

  • Die Ursache einer Krankheit ist die Wurzel (ben), die Symptomatik die Manifestation (biao).
  • Im Verlauf einer Krankheit ist die zugrundeliegende primäre Störung die Wurzel (ben), die sekundären Komplikationen die Manifestation (biao).
  • Hinsichtlich der Lokalisation einer Krankheit sind die internen Aspekte die Wurzel (ben), die äußeren die Manifestation (biao).

Die Unterscheidung zwischen Wurzel (ben) und Manifestation (biao) ist in der täglichen Praxis wichtig, um die Behandlung entsprechend planen und auf die speziellen Bedürfnisse eines Patienten abzustimmen zu können. Bei der Behandlung von Krankheitswurzel (ben) und Manifestation (biao) sind folgende Grundregeln einzuhalten:

  • Bei akuten Störungen ist die Manifestation (biao) zu behandeln. Beispiele sind akute Blutungen oder Erbrechen sowie all jene Erscheinungen, wo unabhängig von deren Ursachen eine rasche Beseitigung der Symptome lebenswichtig ist.
  • Klassische Texte empfehlen darüber hinaus, dass folgende Symptome, wenn sie als Manifestation (biao) vorliegen, unabhängig von der Ursache (ben) primär behandelt werden sollten: Schlafstörungen, starke Schmerzen, Juckreiz sowie Probleme im Bereich des Verdauungstraktes. Den klassischen Texten ist zu entnehmen, dass erst nach erfolgreicher Behandlung der soeben angeführten Symptome eine erfolgreiche Therapie des Patienten durchgeführt werden kann.
  • Bei chronischen Störungen ist die Wurzel (ben) zu behandeln. Beispielsweise sei die Therapie einer chronischen Migräne-Symptomatik aufgrund eines zugrundeliegenden Nieren-Yin-Mangels mit aufsteigendem Leber-Yang angeführt: Hier empfiehlt sich (außer während eines akuten Migräneanfalles) die Therapie der Wurzel (ben), also des Nieren-Yin-Mangels. Würde man nur die Manifestation (biao), also das aufsteigende Leber-Yang, behandeln, so würde man das chronische Krankheitsbild Migräne nicht erfolgreich therapieren können. Es kommt jedoch äußerst selten vor, dass sich die Behandlung nur auf die Behandlung der Wurzel (ben) konzentriert und die Symptome (biao) völlig außer Acht gelassen werden. In der Mehrzahl der Fälle kommt es zu einer gleichzeitigen Behandlung von Wurzel (ben) und Manifestation (biao).
  • Gleichzeitige Behandlung von Wurzel (ben) und Manifestation (biao). Ein Beispiel dafür ist Leere-Hitze durch Yin-Mangel. Abhängig von der Intensität der Hitze verlangt die geeignete Strategie entweder völlige Konzentration auf die Stärkung des Yin (Wurzel) oder eine direkte Ausleitung der vom Mangel bedingten Leere-Hitze (Manifestation). Meistens wird hier innerhalb einer Rezeptur beides gleichzeitig behandelt – Wurzel (ben) und Manifestation (biao).

Ein weiterer Aspekt von Wurzel (ben) und Manifestation (biao) betrifft die grundsätzliche Strategie; also ob die Art der Störung es verlangt, dass das Qi eines Patienten zu stärken (tonisieren) ist oder ob der „Pathogene Erreger“ auszuleiten (sedieren) ist. Sind z.B. sowohl das Qi als auch der „Pathogene Erreger“ schwach, kann der „Pathogene Erreger“ durch Tonisierung des normalen Qi ausgeschaltet werden. Anderseits kann durch das Bekämpfen des „Pathogene Erregers“ durch eine ausleitende Methode indirekt das Qi des Patienten unterstützt werden.

 

Literaturempfehlung

Ploberger, F. (2017)

Westliche und traditionell chinesische Heilkräuter

Schiedlberg: Bacopa.

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Dr. Florian Ploberger
Über Dr. Florian Ploberger 8 Artikel
Dr. med. Florian Ploberger, B.Ac., MA, TCM-Arzt, Tibetologe, Fachbuchautor. Internationale universitäre und interdisziplinäre Lehrtätigkeit und zahlreiche Publikationen in den Themenbereichen Tibetische Medizin und TCM. Präsident der Österreichischen Ausbildungsgesellschaft für Traditionelle Chinesische Medizin (ÖAGTCM). Mehrere Bücher veröffentlicht. (Schwerpunkte: Westliche Kräuter aus Sicht der TCM sowie Tibetische Medizin). Von der Direktion des Men-Tsee-Khang (Institut für Tibetische Medizin und Astrologie in Dharamsala, Nordindien) mit der Übersetzung der ersten beiden und des letzten Teils des bedeutendsten Werkes der Tibetischen Medizin (rgyud bzhi) beauftragt. Weitere Informationen finden Sie unter www.florianploberger.com

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