Tibetische Kräuter aus Sicht der TCM

Dr. Florian Ploberger über Tibetische Kräuter aus Sicht der TCM.

Die Traditionelle Tibetische Medizin (TTM) wird, ebenso wie die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), auch außerhalb Asiens immer beliebter. In diesem kurzen Beitrag sollen nun Tibetische Kräuter aus Sicht der TCM-Phytotherapie beschrieben werden.

Dies ist insofern von Interesse, als dass in den beiden traditionellen Medizinsystemen vollständig unterschiedliche Konzepte und somit auch differierende Beschreibungen der verwendeten Arzneimittelmischungen bestehen.

Ziel dieses Beitrages ist es, einen Brückenschlag zwischen der TCM und der TTM herzustellen.

Pharmakologische Prinzipien der TCM

Wenn es bei der Beschreibung der einzelnen Pflanzen in der TCM und TTM im Detail manchmal Differenzen gibt, so ist dies zu begrüßen, da man diese Unterschiede als Diskussionsgrundlage ansehen kann.

Im Unterschied zur TTM, welche hauptsächlich den Ort, an dem eine Pflanze wächst, den Geschmack, das makroskopische Aussehen einer Pflanze sowie astrologische Aspekte bei der Beschreibung einer Pflanze berücksichtigt, besticht die TCM durch exakte Beschreibung der in ihrer Materia Medica vorkommenden Pflanzen. So werden neben Geschmack, thermischer Wirkung und Organzuordnung jeweils auch die speziellen Wirkungen sowie die empfohlenen Tagesdosierungen angegeben. Eine weitere Stärke der traditionellen chinesischen Ärzte war es, über die Beschreibung der Einzelkräuter hinaus, Rezepte zusammenzustellen, deren Aufbau durch eine wunderbare Präzision besticht. So kommen in den meisten TCM-Rezepturen folgende Bestandteile vor: Kaiserkräuter, Ministerkräuter, Polizeikräuter sowie Botenkräuter.

An dieser Stelle sei auch darauf hingewiesen, dass bei verschiedenen Pflanzen in Abhängigkeit davon, wo sie gewachsen sind, welchen Witterungsbedingungen sie ausgesetzt waren, zu welchen astrologischen Konstellationen sie geerntet wurden etc. eine unterschiedliche Wirkung zu beobachten ist.

Pharmakologische Prinzipien der TTM

Tibetische Arzneimischungen, die in den meisten Fällen in Form von Pillen oder Pulvern verabreicht werden, enthalten mehr Einzelbestandteile als die  klassischen TCM-Rezepturen. Tibetische Pillen, die 50 oder gar mehr Einzelbestandteile beinhalten, sind keine Seltenheit. Diese verschiedenen Bestandteile – früher wurden neben Pflanzen und Mineralien auch tierische Wirkstoffe verwendet, die in der heutigen Zeit aber aus ethischen Überlegungen und aus Gründen des Artenschutzes nicht mehr verwendeten werden – haben oft stark differierende Geschmäcker, thermische Wirkungen sowie Funktionen. Durch diese Vorgehensweise sind tibetische Mischungen in ihrer Wirkung sehr ausgewogen und damit nebenwirkungsarm.

Interessanterweise gibt es in der TTM nicht die in der TCM übliche Vorgangsweise, klassische Rezepturen individuell an den jeweiligen Patienten anzupassen bzw. durch Hinzufügen oder Weglassen einzelner oder mehrerer Bestandteile zu variieren. Als Begründung wird der große Respekt vor den Verfassern der alten Texte bzw. Ehrfurcht vor dem Medizin-Buddha, auf den die TTM zurückzuführen ist, angegeben. Ein Großteil der heutzutage in Tibet bzw. im Exil praktizierenden TTM-Ärzte verwendet in der täglichen Praxis 100 bis 150 verschiedene Mischungen, die nicht individuell an den Patienten angepasst werden, sondern einer fixen Rezeptur folgen. Jedoch werden verschiedene Rezepturen dem Patienten entsprechend zusammengestellt. Diese Kombination wird über den Behandlungszeitraum dem Krankheitsverlauf angepasst und verändert. Die verwendeten Mischungen stammen aus diversen klassischen Texten. Es gibt jedoch in der TTM ein Argument, welches es dem Arzt ermöglicht, auch die Rezepturen aus überlieferten Texten der Tibetischen Medizin abzuwandeln: Sollten gewisse Bestandteile einer Rezeptur nämlich nicht erhältlich bzw. aus Gründen des Artenschutzes nicht verwendet werden dürfen, dürfen sie substituiert werden. Diese Ersatz-Bestandteile werden nach den Kriterien Geschmack und thermische Wirkung ausgewählt und sollten dem zu ersetzenden Bestandteil möglichst ähnlich sein.

Empfehlenswerte Quellen

Für die botanischen Namen der tibetischen Pflanzen können diverse Informationsquellen dienen. Die Wichtigsten sind: „Tibetan Medicinal Plants“ (Kletter und Kriechbaum 2001), „A Clear Mirrow of Tibetan Medicinal Plants, First bzw. Second Volume“ (Dawa 1999 bzw. 2009), „Tibetan Medicine“ (Molvray 1988), das „Dictionary Of Tibetan Materia Medica“ (Yonten 1998), „Wurzeltantra und Tantra der Erklärungen der Tibetischen Medizin“ (Ploberger 2013), sowie die in tibetischer Sprache erschienenen Bücher „bod kyi gso rig dang a yur we dha krung dbyi’i sman gzhung bcas las bstan b’i skye dngos sman rdzas kyi dpar ris dang lag len btus“ von Dr. Tsultrim Kalsang (tshul khrims skal bzang 2008) und „‚khrungs dpe dri med shel gyi me long“ von Gawa Dorje (dga‘ ba’i rdo rjes 1995).

Dr. Florian Ploberger
Über Dr. Florian Ploberger 8 Artikel
Dr. med. Florian Ploberger, B.Ac., MA, TCM-Arzt, Tibetologe, Fachbuchautor. Internationale universitäre und interdisziplinäre Lehrtätigkeit und zahlreiche Publikationen in den Themenbereichen Tibetische Medizin und TCM. Präsident der Österreichischen Ausbildungsgesellschaft für Traditionelle Chinesische Medizin (ÖAGTCM). Mehrere Bücher veröffentlicht. (Schwerpunkte: Westliche Kräuter aus Sicht der TCM sowie Tibetische Medizin). Von der Direktion des Men-Tsee-Khang (Institut für Tibetische Medizin und Astrologie in Dharamsala, Nordindien) mit der Übersetzung der ersten beiden und des letzten Teils des bedeutendsten Werkes der Tibetischen Medizin (rgyud bzhi) beauftragt. Weitere Informationen finden Sie unter www.florianploberger.com

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*