Die Bauchspeicheldrüse findet eine neue Quelle (Teil 8)

Teil 8 der vergnüglichen Fortsetzungsgeschichte zur Verdauung: Die Bauchspeicheldrüse..

Von Birgit Bonin

Was bisher geschah:

Hier der Link zu Teil 1 der humorvollen Reise der Organe: Die Leber will verreisen (Teil 1)

Hier der Link zu Teil 2 der humorvollen Reise der Organe: Die Milz grübelt (Teil 2)

Hier der Link zu Teil 3 der humorvollen Reise der Organe: Die Lunge will endlich frei sein (Teil 3)

Hier der Link zu Teil 4 der humorvollen Reise der Organe: Der Dickdarm ist erleichtert (Teil 4)

Hier der Link zu Teil 5 der humorvollen Reise der Organe: Die Gallenblase geht einen neuen Weg (Teil 5)

Hier der Link zu Teil 6 der humorvollen Reise der Organe: Der Magen hatte einen Koffer (Teil 6)

Hier der Link zu Teil 6 der humorvollen Reise der Organe: Der Dünndarm möchte tanzen (Teil 7)


Lesen Sie hier eine vergnügliche Geschichte über die Bauchspeicheldrüse

An einem See, einem wirklich sehr kleinen See saß eine ebenfalls sehr kleine Bauchspeicheldrüse und wartete. Sie blickte dabei auf die Oberfläche des Sees und schien zutiefst in Gedanken versunken. Ab und zu atmete sie tief ein und wieder aus und seufzte dabei leise. Was wohl ihre Gedanken gewesen sein mögen? Nun, es soll an dieser Stelle verraten werden. Die kleine Bauchspeicheldrüse dachte nicht, vielmehr träumte sie. Sie träumte davon, wie es wohl sein würde, wenn er käme. Wie er aussehen würde, was er sagen würde, ja, und wie sie zusammen lachen und dann gemeinsam durch dick und dünn gehen würden. Natürlich konnte er auch Geschichten erzählen, großartige Geschichten, denn das gehörte zu einem Freund, mit dem man alles, aber auch wirklich alles im Leben meistern kann.

Im Restaurant für Innere Organe saß die Bauchspeicheldrüse und wusste nicht mehr weiter. Alles, aber auch wirklich alles hatte sie versucht, damit dieser Blutzuckerspiegel endlich wieder runter ging. Aber er tat es nicht. Er tat es einfach nicht. Verflixt nochmal. Sogar auf die süßen Speisen, die es in ihrem Leben gab, und die den Blutzuckerspiegel natürlich in die Höhe schnellen ließen, hatte sie verzichtet. Und das war ihr wirklich sehr, sehr schwer gefallen.

Denn die Bauchspeicheldrüse liebte süße Speisen über alles. Dabei spielte es dann auch keine Rolle, ob es sich um Linzer Torte oder um Zitronensorbet handelte, um belgische Pralinen oder Nürnberger Lebkuchen, Vanillepudding, Honigcroissants oder Nougateis. Hauptsache süß.

Eines allerdings liebte sie noch mehr, noch unendlich viel mehr, als sämtliche süßen kulinarischen Köstlichkeiten dieser Erde. Und das war die Süße des Augenblicks. In der Süße des Augenblicks versinken und sich darin laben zu können, bedeutete ihr alles. Wirklich alles. Und das lag nicht nur daran, dass es dann für sie mühelos war, den Blutzuckerspiegel regeln oder Verdauungsenzyme bilden zu können. Tatsächlich konnte sie selbst nicht erklären, warum es ihr soviel bedeutete. Aber sie fühlte sich dann einfach so wohl, frei und stark, dass es nichts Vergleichbares für sie gab.

Leider war ihr die Süße des Augenblicks in den letzten Monaten immer mehr verloren gegangen. Sie hatte begonnen, hektisch danach zu suchen, genauso, wie sie immer hektischer versucht hatte, ausreichend Verdauungsenzyme für den Dünndarm zu bilden. Das war neben der Regulierung des Blutzuckerspiegels nämlich ihre andere so wichtige Aufgabe. Allerdings blieb der Erfolg leider aus.

Und schon klagte der Dünndarm wieder über den Mangel an Enzymen. Sie hatte also in beiden Aufgaben versagt. Das jedenfalls warf sie sich ständig vor. Hilfreich war das allerdings nicht. Vielleicht sollte sie einfach verschwinden. Nein, so ging das nicht. Sie hatte eine Verantwortung.

Hinzu aber kam auch noch, dass sie sich seit Ankunft in dieser neuen fremden Umgebung schrecklich allein fühlte. Alle anderen Organe hatten einen Partner, so zum Beispiel die Leber die Gallenblase, die Nieren die Blase, der Magen die Milz. Nur sie war ohne Partner, und das stimmt sie sehr traurig. Oh, wenn sie doch wenigstens die Süße des Augenblicks finden könnte! Alles wäre einfacher, schöner, erfolgreicher mit der Süße des Augenblicks. So begann sie zu suchen. Zuerst ging sie in den Garten, der so lieblich und rein war. Hier pflegte ihr Gastgeber mit Hingabe und Liebe alles, was in unendlicher Vielfalt wuchs, so als ob es keinen Frühling, Sommer, Herbst und Winter gäbe.

Ach, der Duft vom Frühling im keimenden Garten! Wie sehr sie das vermisste! Das lustige Bimmeln der ersten Schneeglöckchen, das kecke Singen der ersten Krokusse, das glucksende Kichern vom Scharbockskraut und den glockenhellen Klang der Narzissen. Wann hatte sie das zuletzt gehört? Wirklich gehört.

Sie schaute sich im Garten um. Da drüben wuchsen die Süßkartoffeln, die sie neben dem Gemüse zum Essen bekam. Sie würden den Blutzuckerspiegel senken, wurde ihr gesagt, genau wie der Zimt. Leider kam sie aber im Garten nicht weiter. Er war zauberhaft und wunderschön, aber die Süße des Augenblicks konnte sie nicht finden. Sie setzte ihre Suche fort. Unvermittelt lag ein See vor ihr. Ob das der gleiche See war, von dem der Dünndarm erzählt hatte? Eine Weile blieb die Bauchspeicheldrüse in den Glanz des Sees vertieft stehen. Und wartete. Aber nichts passierte. Sie umrundete den See, blickte auf Schilf, Seerosen und vielerlei bunte, lebhafte Vögel. Immer noch nichts. Vom See aus führte ein Weg in den Wald. Sie warf einen Blick hinein.

Plötzlich erfüllte ein vertrauter Duft den Ort. Und dann sah sie ihn. Ihren Gastgeber. Er stand tatsächlich unmittelbar neben ihr. Aber er sagte nichts. Die Bauchspeicheldrüse war verwirrt. Und dann passierte etwas wirklich Ungewöhnliches. Tatsächlich war das der Bauchspeicheldrüse noch nie passiert, denn eigentlich hatte sie doch immer alles unter Kontrolle. Tief in ihrem Inneren zog sich Irgendetwas mit aller Wucht zusammen, ballte sich und platzte einfach aus ihr heraus:

„Ich finde sie einfach nicht! Ich finde sie einfach nicht.“

Oh du meine Güte, sie war so wütend. Sie war wirklich erschreckend wütend. Der Gastgeber antwortete nicht. Er schien zu lächeln und der Duft, ja dieser Duft – und jetzt merkte die Bauchspeicheldrüse es wirklich! – dieser Duft nach Frühling im keimenden Garten verstärkte sich. Plötzlich war er absolut echt und nah! Wie war das denn jetzt möglich? Wie machte der das?

„Sie sollten in den Wald abbiegen, dort hinein, immer dem Lauf des Baches folgend.“

Sie sollte in den Wald gehen, einfach so? Die Bauchspeicheldrüse war zutiefst verblüfft. Dann aber, ohne überhaupt noch nachzudenken – und das war ziemlich untypisch für die Bauchspeicheldrüse, bog sie unvermittelt ab in den Wald. Im Winkel sah sie noch den Gastgeber freudig winken, dann war er hinter dem Laub der Bäume verschwunden. Sie aber folgte dem Lauf des Baches. Der Bach gluckste leise, und eine Welle von Hoffnung durchfloss sie. Eine Weile war sie unterwegs, vom Duft umgeben. Aber der Weg wurde immer länger. Müdigkeit stellte sich ein und das vertraute Gefühl von Hoffnungslosigkeit schien sie wieder in den Griff zu bekommen.

Ich muss durchhalten, sagte sich die Bauchspeichdrüse, ich muss durchhalten. Wie oft hatte sie sich das in ihrem Leben schon gesagt. Trotzdem, sie wiederholte es immer wieder. Die Kraft kehrte zurück. Und dann sah sie es. Der Bach war zu Ende. Der Weg war zu Ende. Und vor ihr lag ein sehr kleiner See. Lustige, glucksende Blasen bewegten seine Oberfläche. Und seine Tiefen wurden von goldgrünen Fäden durch woben. Hoppla, beinah wäre die Bauchspeicheldrüse gestolpert, als sie versuchte, tiefer in diesen kleinen See zu blicken.

„Aua, pass doch mal auf! Das tut weh“ ertönte plötzlich eine helle, empörte und sehr kindliche Stimme. Ach du liebes Bisschen, was war das denn? Die Bauchspeicheldrüse blickte zu Boden. Und vor lauter Verblüffung blieb ihr die Sprache weg. Sie blickten sich beide an.

„Es tut mir so leid! Wirklich, es tut mir schrecklich leid.“ Die große Bauchspeicheldrüse hatte ihre Sprache vorübergehend wiedergefunden. Dann aber schwieg erneut, denn mehr fiel ihr einfach nicht ein.

Zunächst kam keine Antwort, und das lies der Bauchspeicheldrüse soviel Zeit, zu verkraften, dass vor ihr wirklich und wahrhaftig eine andere Bauchspeicheldrüse saß, eine ziemlich kleine zwar, aber oha, eine sehr energische. Die holte just in diesem Augenblick tief Luft und sagte:

„So habe ich mir das nicht vorgestellt! Wirklich nicht.“ Die Enttäuschung in der kleinen Stimme war nicht zu überhören. „Ich habe auf Dich gewartet, ich habe von Dir geträumt und dass Du kämst, und dann kommst Du endlich und fällst einfach so über mich her! Aber vielleicht bist Du es ja auch gar nicht.“ Jetzt klang die kleine Stimme auch noch zutiefst traurig.

Es ist an dieser Stelle äußerst schwierig die Verwirrung, von welcher die große Bauchspeicheldrüse unmittelbar befallen wurde zu beschreiben. Sie war was, sie war wer? Was passierte hier? Sie hatte doch nur im Wald die Süße des Augenblicks finden wollen, war extra den langen Weg gelaufen, trotz aller Erschöpfung und Mutlosigkeit, und jetzt stand völlig unvorbereitet vor ihr eine kleine Bauchspeicheldrüse und sagte absolut unverständige Sachen. Eine Weile schwiegen beide und blickten sich nur an. Irgendetwas begann sich in der großen Bauchspeicheldrüse zu regen. Sie wusste selber nicht, was es war. Und die Verwirrung nahm zu. Sie wusste nicht mehr weiter. Da aber nahte schon die nächste Herausforderung.

„Kannst Du wenigstens Geschichten erzählen? Wenn Du schon nicht groß und stark bist!“

Geschichten erzählen? Sie und nicht groß und stark sein? Sie war groß und stark. Eine Welle von Empörung ergriff die große Bauchspeicheldrüse. Oder war sie es am Ende doch nicht?

„Kannst Du jetzt Geschichten erzählen oder nicht?“

Eine Geschichte? Auch das noch! Sie wollte immer noch die Süße des Augenblicks finden, und stattdessen saß sie jetzt hier an einer zugegebenermaßen wirklich zauberhaften Quelle vor einer kleinen Bauchspeicheldrüse, die unbedingt von ihr eine Geschichte hören wollte. Das konnte jetzt einfach nicht mehr wahr sein! Aber was blieb ihr anderes übrig. Immerhin hätte sie dieses kleine Wesen sehr schwer verletzt. Also gut, eine Geschichte! Aber was für eine? Die einzige Geschichte, welche die Bauchspeicheldrüse kannte, war die von der Süße des Augenblicks. Wenn sie den schon immer noch nicht gefunden hatte, so konnte sie ja wenigstens davon erzählen.

So kam es, dass eine große Bauchspeicheldrüse in der Mitte des Waldes einer wirklich sehr kleinen Bauchspeicheldrüse von der Süße des Augenblicks zu erzählen begann. Sie hätte nie einen aufmerksameren Zuhörer finden können. Und so schwebten ihre Worte leicht wie die Samen des Löwenzahnes und leuchtend wie die ersten Sonnenstrahlen im Frühling in die weiche Luft des Waldes hinein und brachten eine kleine Bauchspeicheldrüse zum Kichern, Glucksen und Lachen.

Der großen Bauchspeicheldrüse aber wiederfuhr etwas sehr Merkwürdiges und Verblüffendes. Je mehr sie von der Süße des Augenblicks erzählte, je mehr sie ihn beschrieb und umschwärmte, umso mehr umwehte und umschmeichelte sie der Duft des Frühlings im keimenden Garten, umso lauter tönte das glockenhelle Läuten der Narzissen, umso frecher drang das Lachen des Scharbockskraut und umso lieblicher ertönte das Singen der ersten Krokusse. Und bei all dem wurde der Bauchspeicheldrüse tatsächlich immer mehr bewusst, dass sie nie mehr allein sein würde.

Die Süße des Augenblicks aber war wieder da und mit ihr kam ein neuer Freund, einer, mit dem man – wie das mit guten Freunden ja immer der Fall war, tatsächlich durch dick und dünn gehen konnte.

 

 Textbearbeitung; Birgit Bonin, www.heilkunst-birgitbonin.com

Birgit Bonin
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Birgit Bonin, Jahrgang 1958, hat in Köln Diplomsport studiert (Schwerpunkt Prävention und Rehabilitation), ist außerdem Heilpraktikerin und Beraterin für die Methode LifeTech, einem Verfahren zur täglichen Stressreduktion, zur Wiederherstellung und zum Erhalt von Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Seit 18 Jahren arbeitet sie selbständig in eigener Praxis. Birgit Bonin bietet Einzelarbeit an, aber auch Gruppenarbeit und Seminare, die sich den oben genannten verschiedenen Bereichen widmen. Ihr besonderes Interesse gilt der Realisierung aller erforderlichen Voraussetzungen, welche die persönliche Weiterentwicklung des Einzelnen ermöglichen. Kontakt: Birgit Bonin, Fünfkirchener Straße 2, 63607 Wächtersbach Mail:bonin.birgit@yahoo.com, http://www.heilkunst-birgitbonin.com