Die Blase taucht ab

Teil 9 der vergnüglichen Fortsetzungsgeschichte zur Verdauung über die Blase

Von Birgit Bonin

Was bisher geschah:

Hier der Link zu Teil 1 der humorvollen Reise der Organe: Die Leber will verreisen (Teil 1)

Hier der Link zu Teil 2: Die Milz grübelt (Teil 2)

Hier der Link zu Teil 3: Die Lunge will endlich frei sein (Teil 3)

Hier der Link zu Teil 4: Der Dickdarm ist erleichtert (Teil 4)

Hier der Link zu Teil 5: Die Gallenblase geht einen neuen Weg (Teil 5)

Hier der Link zu Teil 6: Der Magen hatte einen Koffer (Teil 6)

Hier der Link zu Teil 7: Der Dünndarm möchte tanzen (Teil 7)

Hier der Link zu Teil 8: Die Bauchspeicheldrüse findet eine neue Quelle (Teil 8)


Geschichte über die Blase

Heute geht es um die Blase. Eines war klar. So ging es nicht weiter. Sie kam ja überhaupt nicht mehr dazu nachzudenken. Ständig dieser Stress da oben im ersten Stockwerk. Die Nieren stritten sich. Ohne Unterlass und oft wie es schien ohne irgendeinen Anlass. Da, eben ging es schon wieder los.

„Du hast zu viel Wasser rausgelassen!“

„Nein, habe ich nicht. Pass du lieber auf den Phosphathaushalt auf!“

„Wieso das denn, ist doch alles in Ordnung!“

„Ist es nicht, und das Kreatinin musst du auch rausschleusen, wo bleibt das denn?“

„Ich habe das Kreatinin rausgeschleust, aber du hast überhaupt nicht mehr auf das Kalium geachtet!“

„Wohl habe ich es, aber wenn Du ständig zu viel Natrium rausschickst.“

„Tue ich nicht, aber du lässt zu viel Wasser raus.“

Und wieder ging es von vorne los. Die Blase konnte sich noch nicht mal die Ohren zuhalten. Am liebsten wäre sie einfach mal abgetaucht. Sinnbildlich. Blos weg von diesem Stress. Hinzu kam, dass sie selber wahrlich genug eigene Probleme hatte. Und das schon seit geraumer Zeit. Aber bei all ihrem Einsatz auf dem Felde verschiedenster Schlichtungsversuche hatte sie diese Problematik immer ignoriert. Jetzt aber wurde sie täglich größer und heftiger, und die Blase musste endlich vor sich selber zugeben, dass all ihre Abläufe vollkommen durcheinandergeraten waren. Und darüber war sie sehr verzweifelt.

Mal konnte sie entleeren, mal konnte sie nicht. Und wenn sie dann konnte und dachte, nun würde sie nicht mehr können müssen, konnte sie nach zwei Minuten schon wieder. Oder auch mal nach drei Minuten.  Außerdem war es häufig auch so, dass sie dachte, sie könnte, und dann konnte sie doch nicht. Dann saß sie und saß und nichts kam. Und das verstand sie überhaupt nicht.

So wurde der Weg zum „Restaurant für innere Organe“ zu einer einzigen Qual. Ständig musste die Reise ihretwegen unterbrochen werden, und das war ihr entsetzlich peinlich. Die anderen Organe sagten natürlich nichts, aber trotzdem. Als sie dann endlich ankamen, war die Blase völlig erschöpft. Das einzige, woran sie sich später noch deutlich erinnern konnte, war dieser angenehme Duft nach Meeresluft, der immer dann, wenn der Gastgeber auftauchte, wie zauberhafte Spinnweben durch den Raum schwebte. Gut tat ihr das, irgendwie gut. Tatsächlich aber wollte sie eigentlich nur noch schlafen, und sie sehnte die Stunde der Nachtruhe herbei. Dann würde auch die Angst vergehen, die sich mit all der Sorge, ihre Probleme nicht mehr lösen zu können, hartnäckig verband.

Nach dem Frühstück, das für sie aus Wassermelonen und Tee von Brennnesseln bestand, entschied sich die Blase durch den Garten zu gehen. Weg von dem sich schon wieder neu anbahnenden Streit. Eine Weile ruhte sie in der Betrachtung der unendlichen Vielfalt verschiedenster Pflanzen, Kräuter, Bäume, Büsche, Stauden und Teiche. Merkwürdigerweise geriet dabei wieder dieser salzige Meeresgeruch in ihr Wahrnehmungsfeld, obwohl der Gastgeber nirgendwo zu sehen war. Und noch merkwürdiger war, dass die Blase diesen unwiderstehlichen Drang verspürte, diesem Geruch zu folgen. Es war wie ein Sog. Immer mehr begann sie zu laufen und vergaß dabei völlig die Zeit.

„Ah, wie gehen in die gleiche Richtung,“ ertönte plötzlich eine lachende Stimme neben ihr. Es war ihr Gastgeber. Wo kam der denn auf einmal her?! Die Blase schrak zusammen und blickte sich um. Wo war sie? Sie hatte völlig die Orientierung verloren. Aber immer noch umgab sie der Garten.

„Alles gut“, das war wieder der Gastgeber. Und es klang irgendwie beruhigend. Dann fragte er:

„Sind Sie schon mal abgetaucht?“

„Abgetaucht?“

„Ja, auf Tauchstation gegangen?“

„Nein, noch nie.“

Die Blase blickte ihren Gastgeber verwundert an. Tatsächlich hatte sie ja wirklich schon davon geträumt, mal abtauchen zu können. Aber das dann auch zu tun?

Der Salzgeruch nahm immer mehr zu. Sie erklommen einen kleinen grasbewachsenen Hügel und hatten jetzt den Garten verlassen. Und nun wusste die Blase auch, woher der Salzgeruch kam. Unmittelbar vor ihnen lag das Meer. Unendlich weit, rauschend und dabei mächtige Wellen schlagend. Da überflutete es die Blase plötzlich mit aller Macht. All die aufgestauten Gefühle kamen hoch, und sie begann heftig zu weinen. So heftig, dass sie darüber sogar vergaß, dass sie wieder tröpfeln musste. Der Gastgeber sagte nichts, aber er hob sie ganz sanft hoch mit beiden Händen.

„Und, wollen Sie mal abtauchen?“

Die Blase schluchzte immer noch leise, aber sie hörte seine Worte und der anhaltende Meeresgeruch wirkte irgendwie beruhigend. Langsam ebbte der Schmerz ab. Eine Weile standen sie einfach nur da.

„Warum sollte ich das tun?“, hörte sich die Blase plötzlich fragen. „Das ist was gänzlich Neues, und vor allem Neuen habe ich immer erst totale Angst.“

„Warum?“

„Woher soll ich denn wissen, was da alles Schlimmes passieren könnte!“

„Aha, aber sagen Sie, könnte denn nicht auch etwas Schönes passieren?“

Etwas Schönes? Hm. So hatte es die Blase noch nie gesehen. Gänzlich abwegig war es allerdings auch nicht. Trotzdem…

„Und vielleicht finden Sie ja neben dem Schönen auch noch etwas, was Ihnen sehr viel weiterhilft.“

Die Blase seufzte. Hilfe konnte sie ja nun wirklich gebrauchen, aber musste sie dafür unbedingt tauchen gehen?

„Und was muss ich dann tun, wenn ich abtauche?“ Die Blase fand sich plötzlich absolut mutig.

„Sie müssen nur vertrauen, mehr nicht.“

Die Blase holte tief Luft und stieß sie dann wieder aus. Aber dann hörte sie sich zu ihrer größten Überraschung sagen: „Na, dann los.“

Für ein paar Augenblicke merkte die Blase, wie plötzlich nur Luft sie umgab. Und dann war es auch schon passiert.  Platsch! – Hilfe!!! – Wasser erfüllte sie, Wasser umhüllte sie. Sie sank. Immer mehr. Im Meer.  Verschiedenste Gestalten, Tiere, Farben und Lichter umwoben sie. Sie sank weiter. Vertrauen. Sie müssen nur vertrauen. Alles schien plötzlich mit ihr zu sprechen. Aber sie hörte auch seine Stimme. Ganz deutlich hörte sie seine Worte.  Was sollte sie machen? Wie sollte sie vertrauen? Aber es blieb ihr keine Wahl. Denn sie sank weiter, und Angst war jetzt kein guter Ratgeber.

Und dann traf die Blase eine Entscheidung. Irgendwo tief in ihrem Inneren keimte plötzlich ein Entschluss auf. Und statt also weiter auf die Stimmen zu lauschen, die ihr ständig erzählten, dass sie unbedingt Angst haben müsste in dieser Situation, begann sie jetzt ihre eigenen Sätze zu bilden.

„Ich vertraue. Ich bin in Sicherheit. Alles ist gut.“ Sie sank weiter, sank durch die unendlichen Tiefen des Meeres.  „Ich vertraue. Ich bin in Sicherheit. Alles ist gut.“

Die Landung kam nicht überraschend. Irgendwann musste sie ja schließlich auf dem Meeresgrund angekommen sein. Was aber gänzlich überraschend kam, war das Gefühl von Angstlosigkeit, welches sie vollständig erfüllte. Es war stockdunkel auf dem Meeresgrund, der Blase aber leuchtete ein neues Licht. Es war ein Licht der Freude und der Hoffnung. Und in diesem Licht wurde ihr plötzlich so viel klar und verständlich, dass sie jetzt wusste, was zu tun war. Voller Dankbarkeit nahm sie das mit sich, wie einen kostbaren Schatz, der sie langsam wieder nach oben zum Tageslicht trug an die Oberfläche des Meeres, wo sie jemanden wusste, der auf sie wartete.

 Textbearbeitung; Birgit Bonin, www.heilkunst-birgitbonin.com

Birgit Bonin
Über Birgit Bonin 14 Artikel
Birgit Bonin, Jahrgang 1958, hat in Köln Diplomsport studiert (Schwerpunkt Prävention und Rehabilitation), ist außerdem Heilpraktikerin und Beraterin für die Methode LifeTech, einem Verfahren zur täglichen Stressreduktion, zur Wiederherstellung und zum Erhalt von Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Seit 18 Jahren arbeitet sie selbständig in eigener Praxis. Birgit Bonin bietet Einzelarbeit an, aber auch Gruppenarbeit und Seminare, die sich den oben genannten verschiedenen Bereichen widmen. Ihr besonderes Interesse gilt der Realisierung aller erforderlichen Voraussetzungen, welche die persönliche Weiterentwicklung des Einzelnen ermöglichen. Kontakt: Birgit Bonin, Fünfkirchener Straße 2, 63607 Wächtersbach Mail:bonin.birgit@yahoo.com, http://www.heilkunst-birgitbonin.com