Die Nieren treffen eine Entscheidung

Teil 10 der vergnüglichen Fortsetzungsgeschichte zur Verdauung über die Nieren

Von Birgit Bonin

Was bisher geschah:

Hier der Link zu Teil 1 der humorvollen Reise der Organe: Die Leber will verreisen (Teil 1)

Hier der Link zu Teil 2: Die Milz grübelt (Teil 2)

Hier der Link zu Teil 3: Die Lunge will endlich frei sein (Teil 3)

Hier der Link zu Teil 4: Der Dickdarm ist erleichtert (Teil 4)

Hier der Link zu Teil 5: Die Gallenblase geht einen neuen Weg (Teil 5)

Hier der Link zu Teil 6: Der Magen hatte einen Koffer (Teil 6)

Hier der Link zu Teil 7: Der Dünndarm möchte tanzen (Teil 7)

Hier der Link zu Teil 8: Die Bauchspeicheldrüse findet eine neue Quelle (Teil 8)

Hier der Link zu Teil 9: Die Blase taucht ab (Teil 9)


Geschichte zu den Nieren

Die Nieren stritten sich. Schon seit Wochen und Monaten. Es war schrecklich. Nie fanden sie ein Ende. Nie wussten sie, wie sie es beenden sollten. Außerdem schmerzte es. Beide. Aber sie sprachen nicht darüber. Zu vielfältig waren ihre Aufgaben, die ihre ganze Energie gefangen nahmen. Keine Zeit zum Sprechen. Aber Zeit zum Streiten. Wie sollte das weitergehen?

„Die Blase will mit uns sprechen“, sagte die rechte Niere zur linken Niere.

„Schon wieder? Die spricht doch ständig mit uns.“

„Jetzt sei halt mal still. Es schien ihr sehr wichtig zu sein.“

„Ich bin ja still, aber das sagt sie auch jedes Mal.“

„Du bist nicht still, Du widersprichst mir schon wieder, und ich finde wir können ihr nochmal eine Chance geben. Sie meint es doch gut.“

„Ja klar, also gut. Aber eins will ich dir sagen. Ich werde wohl auch noch meine Meinung dazu sagen dürfen, oder etwa nicht? Du willst ja schließlich auch ausreden!“

Die rechte Niere blickte die linke Niere an. Die linke Niere blickte die rechte Niere an. Auge in Auge.

Plötzlich sagte keiner mehr etwas. Tatsächlich schwiegen sie. Und das für eine ganze Weile.

„Hat sie denn gesagt, worüber sie mit uns sprechen will?“

„Nein, sie hat nur gesagt, ihr wäre beim Tauchen ein Zusammenhang klar geworden.“

„Beim Tauchen? Ist die denn getaucht?“

„Offensichtlich!“

„Hast du das mitbekommen?“

„Nein, Du?“

„Nein.“

Im Restaurant für Innere Organe war es jetzt ganz still. Nur eine kleine Feld-, Wald- und Wiesenfliege summte ausdauernd um einen großen Margeritenstrauß, der mitten im Zimmer stand. Da öffnete sich die Tür. Die Blase betrat das Zimmer.  Sie sah ziemlich entschlossen aus, fand die linke Niere, die rechte Niere bemerkte es nicht. Dafür aber blickte sie völlig fassungslos auf das, was die Blase schon im nächsten Augenblick ohne jeglichen Kommentar einfach auf den Boden legte.

Die Blase hatte sich entschieden, gar nicht erst lange zu fackeln, sondern direkt mit der Tür ins Haus zu fallen. Zuviel stand auf dem Spiel. Auch fühlte sie sich nach der langen Reise zum Meeresgrund seltsam stark, furchtlos und entscheidungsfreudig. Und so legte sie sofort los:

„Was ist das? Könnt ihr mir irgendetwas dazu sagen?“

„Was ist was?“ fragte die linke Niere, aber sie klang seltsam gepresst.

„Na, das da!“ rief jetzt die rechte Niere und deutete entsetzt auf einen kleinen schwarzen Stein, der sich farblich deutlich vom weißen Steinfußboden abhob.

„Wo hast du den denn her?“ Das war wieder die linke Niere.

„Der“, antwortete die Blase und betonte dabei jedes einzelne Wort, „ist vorgestern durch Deine Röhre in mich hineingefallen und die da auch!“ Jetzt lag nicht nur ein Stein auf dem Boden, sondern drei.

„Du hast ja Steine!“ Das war wieder die rechte Niere. „Warum hast du das denn nicht gesagt?!“

Das Entsetzen und die Betroffenheit in ihrer Stimme waren nicht zu überhören. Aber die linke Niere kam gar nicht dazu zu antworten, denn just in diesem Augenblick legte die Blase schon wieder etwas auf den Fußboden. Es sah seltsam aus, ein wenig, wie eine Himbeere, aber nicht rosarot, sondern schmutzig grau.

„Und was ist das?“ Wieder war es die Blase, die diese Frage mit energischer Stimme stellte.

„Das ist ein Polyp!“ rief jetzt die linke Niere und blickte die rechte Niere vorwurfsvoll an.

„Du hast ja Polypen! Warum hast du das denn nicht gesagt?“

Tiefstes Schweigen legte sich über den Raum. Lange hielt es an. Beide Nieren blickten einander fassungslos an. Dann brachen sie beide gleichzeitig das Schweigen:

„Warum hast Du denn nichts gesagt?“

„Du musst doch Schmerzen haben?“

„Warum hast du nicht mit mir gesprochen?“

„So kannst du doch gar nicht richtig arbeiten!“

„Warum habt ihr nichts gesagt?“ fragte jetzt auch die Blase. Die linke Niere sprach als erste.

„Ich habe mich nicht getraut. Es gab schon so genug Stress.“

„Mir ging es genauso.“ Das war jetzt die rechte Niere. „Und ich hatte auch so eine Angst.“

„Aber dass das keine Lösung ist, seht ihr doch selber jetzt. Stattdessen habt ihr Euch gestritten und dadurch nur noch mehr Stress bekommen.“ Die Blase musste nun doch einmal tief durchatmen.

„Was sollen wir jetzt tun?“

Das waren wieder beide Nieren gleichzeitig. Sie sahen so hilflos aus, dass die Blase beinahe wieder ihre alte Angst, es nicht schaffen zu können, überfiel. Dann aber durchzog plötzlich völlig unerwartet der Duft des Meeres den Raum, mondsilbrigen Spinnweben gleich, und die Blase atmete erleichtert auf.

„Ich habe eine Idee. Wir gehen jetzt los“, sagte sie.

„Wir gehen los? Und wohin? Es ist doch bald Abend.“ Beide Nieren – mit einem Mal seltsam einig –  wollten sich nicht auf das Unternehmen der Blase einlassen.

Aber die Blase war nicht zu bremsen. „Los jetzt.“  Mehr brauchte es nicht. Sie zogen los.

Das silbrig weiße Licht des Mondes mischte sich sanft mit dem salzig frischen Duft des Meeres. Sie saßen alle in einem Boot. Die Nieren, die Blase und ihr Gastgeber. Leicht schaukelte das Boot hin und her, als der Gastgeber zu sprechen begann.

„Wir wollen uns über Ernährung unterhalten, denn Sie sind ja schließlich in das Restaurant gekommen, um mehr darüber zu lernen. Sie bekommen hier eine spezielle Diät, das wissen Sie. Es gibt aber auch spezielle Kräuter und Säfte, mit deren Hilfe Steine aufgelöst werden können.“

Dabei blickte der Gastgeber die linke Niere an, und diese atmete erleichtert auf. „Auch Polypen können sich auflösen, wenn wir die Ernährung umstellen und spezielle weitere Maßnahmen integrieren.“

Jetzt atmete die rechte Niere erleichtert auf. Für ein paar Augenblicke trat Stille ein. Die Blase merkte, wie sie entspannte. Auch die Nieren wirkten ruhiger aus. Da aber fuhr der Gastgeber fort.

„Das ist aber nicht alles. Sie müssen noch etwas anderes ändern in ihrem Leben.“

„Und das wäre?“

Ein leichter Wind kam auf und das Boot begann zu schaukeln. Der Gastgeber fuhr unbeirrt fort:

„Sie müssen damit aufhören, sich ständig zu kritisieren.“

„Aber das haben wir schon so oft probiert. Und immer wieder geht es von vorne los!“

Die neu aufkeimende Verzweiflung der Nieren war nicht zu überhören.

„Und wann haben Sie sich zum letzten Mal gelobt?“

„Gelobt?“

„Ja, wirklich gelobt!“

Stille senkte sich über das Boot und über das Wasser. Ein tiefes Gefühl von Traurigkeit überflutete die Nieren, als sie erkannten, welchen Weg sie gegangen waren und welchen sie stattdessen hätten gehen können. Die Blase aber erinnerte sich plötzlich wieder an die Magie der Meerestiefen und rief laut:

„Aber es ist doch nicht zu spät! Alles kann sich verändern damit, dass ihr den ersten Schritt macht.“

Die Nieren stritten nie wieder. Aber der goldenen Zauber ihrer lobenden Worte durchzog zu jedem Augenblick des Tages und zuweilen auch der Nacht die Räume, Flure, Tore, Kammern und Wege des großartigsten Systems, in dem sie leben durften.

 Textbearbeitung; Birgit Bonin, www.heilkunst-birgitbonin.com

Birgit Bonin
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Birgit Bonin, Jahrgang 1958, hat in Köln Diplomsport studiert (Schwerpunkt Prävention und Rehabilitation), ist außerdem Heilpraktikerin und Beraterin für die Methode LifeTech, einem Verfahren zur täglichen Stressreduktion, zur Wiederherstellung und zum Erhalt von Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Seit 18 Jahren arbeitet sie selbständig in eigener Praxis. Birgit Bonin bietet Einzelarbeit an, aber auch Gruppenarbeit und Seminare, die sich den oben genannten verschiedenen Bereichen widmen. Ihr besonderes Interesse gilt der Realisierung aller erforderlichen Voraussetzungen, welche die persönliche Weiterentwicklung des Einzelnen ermöglichen. Kontakt: Birgit Bonin, Fünfkirchener Straße 2, 63607 Wächtersbach Mail:bonin.birgit@yahoo.com, http://www.heilkunst-birgitbonin.com